Eingemeindung 1999


Der folgende Artikel erschien im Jahr 2000 in der Festschrift 850 Jahre Hordorf

1998/99 - ein Jahr voller Turbulenzen und einem wahrlich heißen Sommer

Im Leben eines jeden Dorfes gibt es ein ständiges Auf und Ab, gibt es ruhige und stürmische Zeiten. Kaum ein Jahr in unserer heutigen Zeit war jedoch, ausgenommen von der sogenannten Wende so ereignisreich, turbulent und bedeutungsvoll zugleich, wie das Jahr 1998. 

Ist es das Beste für Hordorf eingemeindet zu werden, im Rücken der Stadt Oschersleben zu schwimmen oder ist das A und O Eigenständigkeit, trotz riesiger, kaum zu bewältigender 2,2 Millionen DM schwerer Schuldenlasten? Kaum eine Frage hat die Gemüter von Alt und Jung in Hordorf so erhitzt, wie diese. 
Schwerwiegende Entscheidungen mussten also getroffen, schwierige Beschlüsse gefasst werden. Eine große Herausforderung für den Rat mit seinem Bürgermeister Günter Schrader an der Spitze, aber auch für die gesamte Dorfgemeinschaft, die man selten so zerrissen sah, wie in diesen Monaten. 

"Laut Gemeindeordnung des Landes Sachsen Anhalt hätte der Hordorfer Rat im Alleingang über die Eingemeindung entscheiden können", so der damalige Bürgermeister heute. Doch die Hordorfer sollten mitbestimmen. Und so erhielten im Jahr 1997 alle Bürger der Gemeinde ein mehrseitiges Schriftstück mit einem Entwurf des Gebietsänderungsvertrages. Für und Wider einer Gebietsänderungsreform wurden dann auf einer Bürgerversammlung am 23. Januar 1998 von den Verantwortlichen dargelegt. Im zum Bersten vollen Gemeindesaal äußerten viele Hordorfer ihre Bedenken. Sie befürchteten den Verlust ihrer Identität, verlangten genauere Informationen, Zahlen und Fakten. Emotionsgeladen wurde diskutiert. Befürworter und Gegner fanden keinen gemeinsamen Nenner. 

Mit einer Beteiligung von 68,9 % stimmten dann am 29.03.1998, dem Tag des Bürgerentscheides, 234 Bürger für und 186 gegen die Eingemeindung. Der Vernunftehe stand also nichts mehr im Wege. Stadt und Rat besiegelten, doch knapp vier Wochen später die unerwartete Wende. Auf einer öffentlichen Ratssitzung forderten einige Hordorfer mit einem Bürgerbegehren, welches mehr als 100 Unterschriften trug, eine neue Abstimmung. Sie warfen den Verantwortlichen vor, Informationen vorenthalten und zu wenig Alternativen geboten zu haben. Auf einer Ratssitzung im Mai akzeptierte der Rat das Bürgerbegehren und setzte einen vorläufigen Termin für einen neuen Bürgerentscheid im Juli fest. Wie verbissen die gegnerischen Parteien ihre jeweiligen Argumente verteidigten, wurde auf dieser öffentlichen Ratssitzung ganz besonders deutlich. Mit gegenseitigen Schuldzuweisungen und teilweise persönlichen Beleidigungen wurde nicht gespart. Einige taten sich mehr mit Schimpfkanonaden für ihre Widersacher hervor, als mit Argumenten. Bürgermeister Schrader hatte alle Mühe, die Verhandlungen in sachliche Bahnen zu lenken. 

Hordorf erlebte einen wahrlich heißen Sommer. Überall im Dorf, auf den Straßen, in den Vereinen und an den Stammtischen wurde viel diskutiert. In der dörflichen Gerüchteküche brodelte es, wie selten zuvor. Die Initiatoren des Bürgerbegehrens, Rat und Bürgermeister sahen sich in diesen Wochen häufig Anfeindungen Andersdenkender ausgesetzt. Demokratie ist eben leichter gesagt, als getan und die Akzeptanz einer anderen Meinung, sei sie auch noch so weit von der eigenen entfernt, verlangt einen gewissen Grad an Reife und mitunter auch Größe. Sei's drum.

Eine echte Alternative, wie Hordorf aus dem Schuldendilemma herauskommen könnte, konnte bis zum 2. und entgültig verbindlichen Bürgerentscheid niemand anbieten. Der fand dann am 2. August statt und bestätigte die Befürworter der Eingemeindung. 295 Bürger entschieden sich für die Eingemeindung, 88 plädierten für die Eigenständigkeit des Dorfes. 

Seit dem 1.1.1999 nun ist Hordorf ein Ortsteil der Stadt Oschersleben. Den Ortschaftsrat leitet Karlheinz Lossin. Auf der 1. Sitzung des Rates ging es dann auch gleich um den Gebietsänderungsvertrag. Einige Hordorfer beschwerten sich über die Ortseingangsschilder, welche wenige Tage zuvor vom zuständigen Amt angebracht worden waren. Laut Vertrag sollte die Aufschrift "Hordorf Stadt Oschersleben" lauten. Aufgestellt wurden jedoch Schilder mit dem Wortlaut "Oschersleben OT Hordorf".
Vertragsbruch wenige Tage nach Vertragsbeginn? Für die Einen eine Lappalie, für die Anderen zuviel. Und so schritt man(n oder Frau) bei Nacht und Nebel zu Taten und verklebte kurzerhand alles, was auf den Schildern stand. Im Rat fand die Aktion wenig Anklang. Jedoch wurde in aller Deutlichkeit auf den Vertragsinhalt hingewiesen. Ordnungsamtsleiter Gerd Ludwig versprach, sich der Dinge anzunehmen. Noch bis Juni sollte es dauern, bis die Schilder der Ordnung halber ausgetauscht wurden.

Mittlerweile ist wieder Ruhe eingekehrt in Hordorf. Die Wogen haben sich geglättet, man redet, schießt, fachsimpelt, trainiert, angelt oder feiert wieder miteinandner, ganz wie in alten Tagen. Und so mancher Streithahn von einst kräht, dem Himmel sei Dank, nur noch halb so laut. Man kümmert sich wieder um andere wichtige und auch angenehme Dinge des Dorflebens. 

Vieles gibt es noch zu tun, vieles hat man sich in Hordorf noch vorgenommen. Dass all dies am Besten in der Gemeinschaft geht, darüber sind sich die Hordorfer einig, erst Recht nach dem heißen 98er Sommer. 

Und den Beweis dafür, den bleibt man gewiss nicht schuldig. 

 

Nachtrag 2013: seit 2009 leitet Norbert Kurzel den Ortschaftsrat.  

(Text: Beate Oberlein)