Die Sage vom Espenweiblein

Zwischen Großalsleben, Hordorf , Krottorf und Oschersleben lag noch bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein schöner Laubwald.," Espenwald" oder " Ohe" genannt, der sich bis Günthersdorf hinzog. Er bestand hauptsächlich aus Espen, Eichen und Buchen. Da in diesem Walde sehr viel gestohlen wurde und das Ackerland knapp war, gestattete die Regierung, ihn abzuholzen. Im Mai des Jahres 1847 begann das Werk und 1848 war er bis auf einiges Buschwerk verschwunden.

Von diesem Wald erzählt die folgende Sage:

In alten Zeiten lebte in unserem Wald eine steinalte Frau. Väter und Großväter hatten sie schon gekannt, aber niemand wußte, woher das alte Weiblein war. Während die Kinder sie Hexe schallten und flüchteten, wenn sie ihrer ansichtig wurden, wußten die Alten viel Gutes von ihr zu berichten. Sie war wohl eine Bettlerin, verwendete aber die empfangenen Wohltaten nicht für sich, sondern für arme Leute.

Eines Tages nun schritt sie wieder auf ihrem Krückstock gebückt, einen verlorenen Waldweg entlang. Da begegnete ihr hoch zu Roß der finstere Graf, der hinter dem Walde auf der Altenburg seine Wohnung hatte." Ach Herr", bat die Alte, "gebt mir doch einen Taler." Der Ritter jedoch, der ein sehr hartherziger Mann war, lachte spöttisch und schrie: "Geh mir aus dem Weg, du Bettelweib". Als sie aber immer noch weiter bettelte und flehte, erhob er seinen Stock und hieb auf sie ein.

Da sprach die Alte einen schrecklichen Fluch und rief:

" Wenn du wirst den Wald verlassen
wird die Erde dich erfassen.
Niemals sollst du Ruhe finden.
Sollst als Hund gefürchtet werden,
bis der letzte Baum wird schwinden."

Der Graf, ein verächtliches Lächeln auf den Lippen, zog seines Weges. Kaum hatte er jedoch den Wald hinter sich und die Bode erreicht, da tat sich die Erde auf und er versank an der Stelle links neben der Sanneföhrbrücke, wenn man von Oschersleben nach Hordorf geht.

Jede Nacht, gegen 12 Uhr, trieb sich, wie das Weiblein gesagt hatte, ein großer schwarzer Hund in der Gegend umher. Wenn die Knechte der früheren Ölmühle, die das Öl mit vierspännigen Wagen nach Halberstadt fuhren, an die Stelle kamen, kehrten die Pferde plötzlich um und waren um nichts über die Brücke zu bringen, bis die mitternächtliche Stunde vorüber war.


Erst als der Wald abgeholzt war, hatte auch der Hund seine Ruhe gefunden und ward nicht mehr gesehen.